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Chemnitz in den "Goldenen
Zwanzigern"
- Architektur und Stadtentwicklung
 Vom Ende des 20.
Jahrhunderts aus gesehen, erscheinen die zwanziger Jahre, oder besser gesagt die
Zeit zwischen Novemberrevolution und Machtergreifung der Nationalsozialisten,
als eine der aufregendsten, vielgestaltigsten, schillerndsten Perioden dieses
Jahrhunderts. Die Redewendung von den „goldenen Zwanzigern“ ist seit langem
Allgemeingut. Darin steckt ein gehöriger Schuß Verklärung, war es doch auch eine
Zeit blutiger Klassenkämpfe und ökonomischer Krisen in zuvor unbekanntem Ausmaß,
der Massenarbeitslosigkeit und der Wohnungsnot. Die großen kulturellen
Leistungen dieser bewegten und bewegenden Zeit beeindrucken aber noch heute.
Dazu hat in hohem Maße die Architektur beigetragen. Vom Bauhaus wird zuweilen
wie von einem heiligen Tempel gesprochen. Auch hier ist Mythenbildung im Spiel.
Nicht selten werden Gebäude heute mit dem wieder modisch gewordenen Etikett
„Bauhausstil“ belegt, die mit den Haltungen Gropius´ oder Mies van der Rohes
wirklich nichts zu tun haben. In der Industriestadt Chemnitz bündelten sich die
Widersprüche der Weimarer Republik auf besondere Weise: Bau der größten
Berufsschule Deutschlands und höchste deutsche Arbeitslosenrate 1930, modernstes
Hallenbad des Landes und Zusammenbruch des größten sächsischen
Maschinenbauunternehmens ...
Ist von Architektur und Städtebau der zwanziger Jahre in Deutschland die Rede,
geht es meist um Berlin, Frankfurt und Stuttgart, eventuell Hamburg, Magdeburg
während der Amtszeit Max Tauts und eben das Dessau des Bauhauses. Aber Chemnitz?
Da wird bestenfalls Mendelsohns Kaufhaus Schocken erwähnt.
Die vorliegende Publikation soll nicht nur für ein regionalgeschichtlich
interessiertes Publikum vor Ort verdeutlichen, daß sich die Leistungen der
hießigen Architekten nicht vor denen berühmter Namen verstecken müssen. Zugleich
soll versucht werden, einige Klischees zu entkräften. Die Zwanziger waren in
Chemnitz wie überall nicht nur durch die Moderne geprägt, sondern zugleich auch
durch konservative oder modisch-dekorative Tendenzen. Solche Strömungen sind
deshalb gleichberechtigt einbezogen. Aber auch nicht alles, was unter dem Banner
des Neuen Bauens läuft, ist a priori eine Spitzenleistung. Erst im Vergleich mit
der Masse wird aber das Besondere der herausragenden Beispiele deutlich. So
wurde im Buch darauf verzichtet, die bekannten Bauten erneut isoliert aufs
Silbertablett zu heben. Statt dessen soll der Vergleich mit bescheideneren
Arbeiten möglich sein. Vollständigkeit wäre allerdings auch im Rahmen dieser
Publikation eine Illusion. Der Gliederung wegen war es unverzichtbar, mit
Zuordnungen zu arbeiten. Darin liegt die Gefahr, alte Schubladen durch neue zu
ersetzen. Deshalb sind diese Bezeichnungen als Arbeitsbegriffe zu verstehen.
Häufig ist die Einordnung problematisch und muß relativiert werden. Manche
Objekte scheinen sich einem Überbegriff ganz entziehen zu wollen und müssen doch
untergebracht werden. Das Buch soll im Rahmen der begrenzten Mittel einen
Mosaikstein zur Vervollständigung des immer noch ziemlich lückenhaften Bildes zu
Architektur und Städtebau im Deutschland der Weimarer Republik liefern. Daneben
soll es beitragen, das falsche Bild des makellosen Siegeszuges einer „reinen“
Moderne zu korrigieren. Gerade die Vielfalt macht den Reiz dieser Zeit aus.
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